Bringen Senderfamilien Vielfalt ins Radio?
Bringen Senderfamilien Vielfalt ins Radio?
Kann die Bildung von Radio-Senderfamilien zu mehr Vielfalt an Deutschlands härtestem Hörfunkmarkt beitragen oder besteht die Gefahr von Einfalt im Äther?
Diese Frage versuchte der Medienrat der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) bei einem Fachgespräch mit allen in der Region zugelassenen Radio-Veranstaltern zu beantworten.
Zur Begründung verwies Prof. Dr. Ernst Benda, Vorsitzender des Medienrates darauf, dass der Medienstaatsvertrag der beiden Bundesländer einen „Zielkonflikt“ beinhalte: Größtmögliche programmliche Vielfalt soll ebenso durch die Vielfalt der Programme wie durch die Vielfalt der Veranstalter gesichert werden. Allerdings haben sich der Markt, der Wettbewerb und die Radioerlöse in den letzten Jahren erheblich gewandelt, so dass etliche Sender Kooperationen eingingen und andere in erhebliche Schwierigkeiten gerieten. Derzeit sind drei UKW-Frequenzen neu ausgeschrieben, um die sich mindestens zwei Dutzend Veranstalter und Gruppen bewerben. Damit die nötigen Anhörungen und Entscheidungen bis zum Jahresende „sachgerecht und fair“ durchgeführt werden, so Moderator und Medienratsmitglied Dr. Wolfram Weimer, sei der „Radiogipfel in Form eines fachlichen Austausch und kontroversen Gesprächs“ erforderlich.
Musikvielfalt vs. journalistische Substanz
Lothar Wichert, der seit zehn Jahren im Auftrag von mabb und Medienrat die Hörfunkprogramme in der Region analysiert, konstatierte eine „große musikalische Vielfalt aber auch einen bemerkenswerten journalistischen Substanzverlust“ bei den Privatradios. Sein Vorschlag: Der Medienrat könne weitere Kooperationen oder gar Senderfamilien nur dann zulassen, wenn „Informationsvielfalt durch klare Vorgaben geschützt und gestützt wird“. Dem widersprach Bernt von zur Mühlen in seinem Vortrag. Kommerzieller Hörfunk befinde sich in einer sechsfachen Falle: durch Föderalismus, demografische Entwicklung, Digitalisierung, eine „Rezeptionsrevolution“ (iPod-Falle), Methoden-Kreativitäts-Mängel und Kosten-/Gesellschafterprobleme. Die Lösung könne - wie andere Märkte in Europa zeigten - nur durch Funkhausmodelle, Senderfamilien und nationale Kettenbildung in neuen Gesellschafterstrukturen unter Einbeziehung des Kapitalmarktes erfolgen. NDR-Verwaltungsdirektor Lutz Marmor, der demnächst zum WDR wechselt, räumte „Vereinheitlichungstrends“ im Hörfunk ein. Öffentlich-rechtliche wie auch private Sender müssten den „Spagat zwischen Programmansprüchen und Wirtschaftlichkeit“ gleichermaßen meistern, wobei „Senderfamilien nicht das Allheilmittel sind“.
In der Debatte verwiesen mehrere Senderchefs Berlin-Brandenburger Privatradios darauf, dass unterschiedlich intensive Kooperationen das Überleben in der Krise der letzten Jahre erst ermöglicht hätten. So sei trotz einiger Insolvenzen die höhere Programmvielfalt in der Region im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands gesichert worden. Mit steigenden Erlösen werde nun wieder in programmliche Qualität und in stärkere Profilierung beim Hörer investiert, besonders durch Information. Professionalisierung der Branche bedeute engagiert-ideenreiches Radiomachen. Gruppenbildung auf Veranstalterseite und bei der Vermarktung führe nicht zu weniger, sondern zu mehr Radiovielfalt. Nur so seien die rund zwei Dutzend Privatprogramme gegenüber den RBB-Wellen konkurrenzfähig. Von der Medienpolitik erwarten die Berlin-Brandenburger Privatsender liberale Regelungen sowie von mabb und Medienrat „Gleichberechtigung und faire Bedingungen im dualen Wettbewerb“.
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