Überlebt das Radio im digitalen Zeitalter?
Überlebt das Radio im digitalen Zeitalter?
85 Jahre nach dem Sendestart in Deutschland machen sich Wissenschaftler und Radiopraktiker verstärkt über die Zukunft des Radios Gedanken. Die Grundstimmung schwankt zwischen fatalistischer "Endzeitstimmung" und dem Vertrauen in die Stärken des Mediums.
Wie wird das Radio in der digitalen Medienwelt, die eine Vielzahl neuer und teilweise komplementärer Angebote bereit hält, also bestehen können? Anhand von Daten aus der Media Analyse, der Langzeitstudie Massenkommunikation und weiterer Studien beleuchtet Ulrich Neuwöhner (SWR Medienforschung) die aktuelle Position des Mediums.
Hörerbindung bei jungen Hörern geht verloren
Es zeigt sich, dass die Hörerbindung seit Beginn des neuen Jahrhunderts insgesamt stabil ist, wobei einzelne, vor allem jüngere Hörergruppen eine rückläufige Bindung aufweisen. Ein paralleler Befund gilt bei den Tagesreichweiten: Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren sind die Werte relativ stabil, bei den Jüngeren, und hier besonders bei den 14- bis 24-jährigen Frauen, sind sie rückläufig.
Warum verliert das Radio bei den Jüngeren an Attraktivität? Die Ursachen könnten im Medium selbst zu suchen sein sowie in der Entwicklung konkurrierender Angebote. Analysiert man die Entwicklung der Tagesreichweiten nach öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sendern, wird deutlich, dass beide Systeme Verluste bei jungen Hörern hinnehmen mussten. Besonders betroffen sind die Pop-Mainstream-Programme mit einer Mischung aus Musik der 1980er Jahre bis heute und einem hohen Serviceanteil. Hier sank die Tagesreichweite bei den 14- bis 24-Jährigen von 2001 bis 2008 um 10 Prozentpunkte (Gesamtbevölkerung: - 2 %-Punkte), bei den Frauen dieser Altersgruppe sogar um 15 Prozentpunkte. Im gleichen Zeitraum haben die Komplementärmedien wie MP3-Player oder Handys mit MP3-Player und Radio sowie sonstige Tonträger an Attraktivität gewonnen. Ihre durchschnittliche Nutzungsdauer ist von 2001 bis 2008 bei den 14- bis 24-Jährigen deutlich stärker gestiegen als in der Gesamtbevölkerung. Zugenommen hat auch die Radionutzung über Internet und Handy, auch hier machen die 14- bis 24-Jährigen von diesen Möglichkeiten den stärksten Gebrauch.
Wie hören sie normalerweise Radio?
| ab 14 Jahre gesamt | 14-24 Jahre gesamt | 14-24 Jahre Frauen | 14-24 Jahre Männer | 25-39 Jahre gesamt | 40-64 Jahre gesamt | über 65 Jahre gesamt | |
| über ein Radio | 99 | 98 | 99 | 96 | 99 | 100 | 99 |
| über das Internet | 14 | 30 | 29 | 31 | 26 | 10 | 2 |
| über einen Fernseher | 12 | 15 | 16 | 13 | 14 | 12 | 9 |
| über ein Handy | 7 | 25 | 24 | 26 | 9 | 3 | 0 |
| über einen MP3-Player | 6 | 13 | 15 | 10 | 8 | 4 | 1 |
| über eine Radio/TV-Karte im PC/Laptop | 2 | 4 | 4 | 3 | 4 | 2 | 1 |
| über Organizer wie Handheld, PDA, MDA | 1 | 2 | 1 | 2 | 1 | 0 | 0 |
Basis: Radiohörer. Gebiet: Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz
Quelle: SWR-Trend, September 2007 bis Februar 2008 (n=4.361)
Radio begleitet als massenattraktives Medium nach wie vor die Menschen durch den Tag. Und es steht - nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte - vor der Herausforderung, junge Hörer an sich zu binden. Präsenz auf mobilen Endgeräten und die Wahrnehmung der Möglichkeiten, die die Digitalisierung auf Senderseite bietet, sind der Weg für das Radio der Zukunft.
Komplette Studie
- Perspektiven des Radios im digitalen Zeitalter (PDF) - Ulrich Neuwöhner
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